Trocknet die Rekordhitze in den Alpen unsere Wasserreserven aus?
Fünf Fragen an einen Hydrologen und eine Klimaforscherin
Wie heiß ist es derzeit in den Alpenregionen?
Giacomo Bertoldi: In den vergangenen Nächten wurden an mehreren Orten im Etschtal tropische Mindesttemperaturen gemessen, also Temperaturen von über 20 Grad. In der Nacht vom 27. auf den 28. Mai war es in Bozen sogar 21,3 Grad warm.
In Bruneck, auf über 800 Metern Meereshöhe, wurden mehr als 30 Grad erreicht, und die Nullgradgrenze lag oberhalb von 4.000 Metern.
Der Wandel kam sehr plötzlich, bis Mitte Mai war es noch kalt. Am 18. Mai schneite es sogar und auf der Marmolada fuhren viele Menschen Ski – auf Pulverschnee, wie man ihn sonst eher im Januar vorfindet.
Wie lassen sich diese Ereignisse aus wissenschaftlicher Sicht erklären?
Alice Crespi: Das Klima verändert sich und lässt solche Ereignisse immer häufiger auftreten.
In einer Studie haben wir die Hitzewellen und Dürreereignisse im Einzugsgebiet der Etsch von 1950 bis 2023 analysiert. Diese Bedingungen können in Kombination mit der vorzeitigen Schneeschmelze und anhaltenden regenarmen Perioden den Rückgang der Flusswasserführung und die Wasserknappheit verstärken.
Dabei ist ein weiterer Faktor zu berücksichtigen: Der Zeitpunkt im Jahr, zu dem eine Hitzewelle auftritt, hat erheblichen Einfluss darauf, wie schwerwiegend ihre Auswirkungen sind. Treten Hitzewellen bereits im späten Frühjahr auf, wenn die Wasserreserven den Sommer überbrücken müssen, können die Folgen besonders gravierend sein.
Welche Lehre können wir daraus ziehen?
Bertoldi: Dass das Klima, großteils aus unserem Verschulden, nicht mehr sparsam mit seinen Reserven umgehen kann. Es gelingt zwar noch, bei Kältewellen Schnee anzusammeln, doch dann zehren diese intensiven Hitzewellen – die oft viel länger andauern als die Kältewellen – die Wasserressourcen schnell auf, und die Gletscher verlieren rasch ihre winterliche Schneedecke.
Wir haben das Klima verändert, es ist verschwenderisch geworden mit seinen Ressourcen.
Was können wir in dieser Situation tun?
Bertoldi: Wir müssen dieser Entwicklung entgegenwirken: Wenn das Klima derart verschwenderisch mit Wasser umgeht, müssen wir als Gesellschaft umso sparsamer handeln, umsichtig mit unseres Wasserressourcen umgehen und besser vorbereitet sein.
Wie kann die Forschung dabei helfen?
Crespi: Die Forschung kann dazu beitragen, die große Menge an verfügbaren Daten in konkrete Strategien zu übersetzen, um Risiken zu mindern und ein nachhaltigeres Management der Wasserressourcen zu fördern.
Die Forschungsaktivitäten von Eurac Research zum Thema Dürre sind vielfältig und umfassen die Entwicklung von Überwachungsinstrumenten wie der Plattform zur alpinen Dürre (ADO), Vorhersagesystemen wie im Projekt A-DROP sowie Zukunftsprognosen zur Wasserverfügbarkeit und deren Nutzung in Südtirol wie im Projekt NextWater_ST.



