Wassernutzung neu denken: Vortragsabende in Schluderns und Graun im Vinschgau
Wasser als Gemeinschaftsaufgabe
Am Donnerstag, 6. Februar, stand beim zweiten Vortragsabend im Vereinssaal von Graun das Thema „Wasser als Gemeinschaftsaufgabe“ im Mittelpunkt. Johannes Euler, Mitbegründer des Commons-Instituts und Experte für sozial-ökologischen Wandel gab einen Einblick in das Commoning, einer Form gemeinschaftlicher Selbstorganisation jenseits von Markt und Staat, bei der es vor allem darum gehe, sich in Vielfalt gemeinsam auszurichten, um zentrale Bedürfnisse der Bevölkerung zu decken. Insbesondere in Bezug auf die Wasserversorgung zeigt sich, dass sich Commoning innerhalb kleiner Gruppen bis hin zu einer Dimension von zehntausenden Menschen praktizieren lasse.
Besonders eindrücklich war der Vortrag von Marc Zebisch, Leiter des Center for Climate Change and Transformation von Eurac Research. „Der Klimawandel lässt sich leider nicht wegdiskutieren“, betonte der Klimaforscher. Auch im Wassermanagement müsse man sich darauf einstellen. Es gebe tatsächlich keine Veränderungen der Niederschläge in Südtirol, doch es werde wärmer und damit trockener. „In heißen Sommern verdunstet viel mehr Wasser – und zwar vor allem über die Pflanzen – Nutzpflanzen, Wälder und Wiesen – die mehr Wasser brauchen“, hob Zebisch hervor. Auch der Rückgang der Gletscher habe massive Folgen. Es sei mit mehr Dürreereignissen zu rechnen, die auch über mehrere Jahre hinweg auftreten können. Falls die Treibhausgasemissionen nicht reduziert werden, zeigen aktuelle Szenarien für Südtirol, dass in den nächsten 30 Jahren mehr als 50 Monate extremer Trockenheit zu erwarten sind. Gleichzeitig werde es mehr Starkniederschläge geben und trockenere Böden, die diese Niederschläge nicht aufnehmen können. „In Ostdeutschland sind dieselben Ingenieure, die noch vor einigen Jahren Moore trockengelegt haben, nun mit der Wiederbefeuchtung beschäftigt, weil der Wasserhaushalt so nicht mehr funktioniert“, sagte Zebisch. „Wo früher Auwälder waren, stehen heute Obstwiesen. Nun aber bräuchte es wieder Retentionszonen und die Überlegung, wo man solche schaffen kann. Das heißt nicht, dass dort kein Obst mehr angebaut werden kann, doch es heißt zumindest, dass es Mechanismen braucht, wie Obstwiesen zur Not in einer kontrollierten Art und Weise überflutet und das Wasser sicher wieder abgelassen werden kann.“
Podiumsdiskussion mit lokalen Expertinnen und Experten
Den Abschluss bildete eine von Jenny Ufer und Michael de Rachewiltz (Center for Advanced Studies von Eurac Research) moderierte Podiumsdiskussion mit Albrecht Plangger (Politiker), Michael Wunderer (Geschäftsführer E-Werk Prad), Martha Innerhofer Frank (Beregnungswartin, Waalerin, Bäuerin und Gemeinderätin), Reinhard Scheiber (Landwirt und Obmann der Ötztaler Agrargemeinschaften sowie des Vereins „Unser Wasser“) sowie dem Klimaforscher Marc Zebisch. Die Wassernutzung in ihrem Gebiet sei genau geplant, unterstrich Martha Innerhofer Frank. Die Zusammenarbeit der verschiedenen Interessensgruppen funktioniere gut und man sei untereinander klar abgestimmt. Der Stausee sei für das gesamte Land von Wert, betonte Albrecht Plangger. Man habe dadurch eine Verpflichtung zur Solidarität gegenüber den Ober- und Unterliegern. „Beim Wasser gibt es etwas zu verdienen, also sind auch die Begehrlichkeiten groß“, wie Reinhard Scheiber hervorhob. Im Ötztal wolle die Tiroler Wasserkraft AG 80 Prozent der Gewässer zur Energienutzung ableiten. Ein Vorhaben, dem sich das Tal nun geschlossen entgegensetzt – auch weil verabsäumt worden sei, die Bevölkerung mit einzubinden. „Ohne Einbindung funktioniert kein Projekt mehr“, stimmte Michael Wunderer bei. Genossenschaften, wie das E-Werk Prad, seien an den Zielen der Gemeinschaft und am Bedarf orientiert und behielten dabei die Naturverträglichkeit stets im Blick.
Die beiden spannenden Abende wurden von Harald Pechlaner, Leiter des Center for Advanced Studies von Eurac Research, Heiko Hauser, Bürgermeister von Schluderns, Franz Alfred Prieth, Bürgermeister von Graun im Vinschgau sowie den Organisationspartnern Ghali Egger, von der BASIS Vinschgau Venosta und Michael Hofer von der Bürger*Genossenschaft Obervinschgau, eröffnet. Unterstützt wurden die Vortragsabende außerdem von den Raiffeisenkassen Prad-Taufers und Obervinschgau, die mit den Direktoren Werner Platzer und Markus Walter Moriggl vertreten waren.
Ein herzlicher Dank geht an Vinterra für das Catering, an Robin's Huat und Fabi Music für die musikalische Umrahmung und an Sebastian Prieth vom Museum Vintschger Oberland, der einen Einblick in die Geschichte der Reschenseestauung gab.



